Lies das folgende Kapitel aus dem Roman »Spukhafte Fernwirkung« und nimm es als Ausgangspunkt für deinen eigenen Text. Durch Klick auf den Button hat Du viermal die Möglickeit einen neuen Textausschnitt anzufordern.
14:45 Uhr
Einkaufszentrum
Jemand von euch muss rüber ins Einkaufszentrum, sagt Valentina in der Sonderkonfi, die Spätschicht ist noch nicht da, so lange können wir nicht warten. Susana macht den Ticker. Wo ist denn Marius? Hat sich doch freigenommen, wegen seiner Mutter, sagt Sandro, ach ja, sagt Valentina, ausgerechnet heute!
Im Raum ist es noch stickiger als am Vormittag. Wahrscheinlich ist es eh ein Fehlalarm, sagt Sandro. Alle schauen ihn an, er registriert das sehr wohl, versteht aber nicht, ob das gut ist oder eher nicht so gut.
Irma, was ist mit dir, fragt Valentina, einer plötzlichen Eingebung folgend, und Irma erschrickt dermaßen, dass sie niesen muss. Vor dem Fenster steht die Birke und Birken sind Irmas Lieblingsbäume, eigentlich, wenn nur die blöde, denkt Irma, Allergie nicht wäre. Der Platz vor dem Einkaufszentrum ist leer. Er war noch nie leer. Es gab noch nie, sagt Sandro, einen Amoklauf, der an einem so heißen Tag stattgefunden hätte, ich hab das mal eben recherchiert, ich habe hier, sagt Sandro, sämtliche Amokläufe der letzten Jahre und Jahrzehnte, ein einziger fand im August statt, das war in Hungerford, Großbritannien, 1987, und zwei in den USA, der in Austin 1966, das war der Typ mit dem Hirntumor, und noch ein anderer, an einem 12. Juli 1970 in Kalifornien, aber da ist nicht viel passiert, nur ein Toter, und das war eh der Vater vom Täter. Irma hat ihre Nase geputzt, wenn ich, denkt Irma, mich jetzt trauen würde, ich mach es zu sagen und es einfach zu machen, aber da hebt Louise ihre Hand, ja, Louise, sagt Valentina, ich würde es machen, sagt Louise, äh, sagt Valentina und überlegt, wie sie es verhindern kann. Kommt nicht in Frage, sagt Valentina, doch, bitte, sagt Louise, was ist denn dabei, es ist für mich genauso gefährlich wie für jeden anderen. Außerdem sichert die Polizei doch eh alles ab. Das erste Mal, seit sie Sandro kennt, hofft Valentina, dass er recht behält.
14:34 Uhr
Flur D
Clara Kalkofens Leben ist durchstrukturiert wie das einer Soldatin, von morgens 6 Uhr, wenn sie aufsteht, bis abends 22.45 Uhr, wenn sie das Licht ihrer Nachttischlampe löscht. Sie ist froh, dass ihr Leben in geordneten Bahnen verläuft. Sie hört die Schritte der anderen, sie hört ihre eigenen Schritte. Keiner schert aus, wozu auch?
Clara mag keine Überraschungen. Überraschungen sind als Geschenke getarnte Lebensverschlechterungen, wie die Betriebsfeiern in der Firma, in der sie arbeitet. Das Essen zahlt die Firma, die Getränke muss jeder selbst bezahlen. Die Anwesenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird erwartet, Clara geht jedes Mal hin, nicht hingehen würde sie überfordern. Sie trinkt ein Mineralwasser und schaut den anderen zu, wie sie sich mit schlechtem Wein betrinken, um den Geschmack des Essens zu vertreiben, auf das sie sowieso gerne verzichtet hätten. Clara Kalkofen bestellt sich einen Bauernsalat, da kann man nicht viel falsch machen. Als Nachspeise einen Espresso. Die Wahl ihrer Speisen wird ihr als die ihr typische Bescheidenheit ausgelegt. Ihr Chef hat ihr anerkennend zugenickt.
14:32 Uhr
Intersport
Nicos erste Erinnerung an das Einkaufszentrum ist, dass er an der Hand seiner Mutter über den Flur A geht, dass alles gleich aussieht, aber nur auf den ersten Blick. In einem Geschäft gibt es Fleisch, im anderen Kleidung, es gibt Läden mit Büchern, mit Süßigkeiten, mit Lampen, mit Fahrrädern, mit Plüschtieren, es gibt Autos und Lokomotiven, in die man sich hineinsetzen kann, einen Elefanten, auf dem er gerne reiten würde, aber es kostet etwas, das geht nicht. Die Hand seiner Mutter hält ihn fest, er staunt, er empfindet Ehrfurcht, er ist dankbar, er weiß nicht genau, wofür. Außer Fleisch und ein Paar billigen Schuhen bei Intersport kaufen sie nichts, noch nicht einmal ein Eis bekommt er. Als er älter ist, kauft seine Mutter ihm Geodreiecke, Turnsachen und neue Jeans. Er geht jetzt nicht mehr an ihrer Hand, sondern trottet neben ihr her. Seine Mutter hat einen erstaunlich schnellen Gang, er würde lieber langsamer gehen. Nur ein einziges Mal hat sie ihm teure Adidas gekauft, das war im Sommer bevor er in die Realschule kam. Wenn er am Grab seiner Mutter steht, fühlt er nichts, nur wenn er an dem Sportgeschäft vorbeigeht, spürt er wieder ihre schweigsame Hand.
Meistens waren sie zuhause.
Gerade hat er sich mit seinem Vater im Eiscafé Diana getroffen, der Vater ist alt geworden, seine Haare sind schlohweiß, er schimpft auf die Jugend, auf die Ausländer und auf die Ärzte, er schlurft seinen Kaffee aus, dann geht er wieder, ohne ein einziges Mal gefragt zu haben, wie es Nico geht. Da Nico es nicht anders kennt, fällt ihm das nicht weiter auf. Er bleibt noch ein bisschen sitzen, dann steht er auf, geht zu Intersport und schaut sich verschiedene Sporttrikots an, Nike, Puma, Saucony, Adidas. Er nimmt zehn Trikots mit in die Kabine, obwohl nur drei erlaubt sind. Aber noch nie hat ihn jemand daran gehindert oder auch nur darauf angesprochen. Nach dem vierten Trikot schaut er auf sein Handy, das gepiepst hat.
13:12 Uhr
Truth und Beauty
Weil Susana gleich wieder zurück in die Redaktion muss, verzichten sie auf den Nachtisch. Susana hat ihre Serviette voll mit seltsamen Hieroglyphen gemalt und sagt, du Karlo, ich überlege zu kündigen und nochmal zu studieren, Kunst oder so. Wie findest du das? Karlo findet das gut. Kunst, warum nicht. Du bist schuld, sagt Susana und lächelt, wenn du nicht immer mit mir ins Museum gegangen wärst. Karlo wäre zwar lieber ins Naturkundemuseum gegangen oder ins Museum für Quantenphysik und hätte Susana erklärt, was ein Upquark und ein Downquark ist, was Anti-Farben sind oder die wahre Bedeutung von Truth und Beauty. Aber das sagt er nicht. Susana war damals zu klein und wollte lieber ein Eis. Sie hat ihm null zugehört, wenn er damit anfing. Nur bei den Antifarben horchte sie kurz auf. Vielleicht hat Karlo es auch nicht richtig erklärt. Truth und Beauty könnten schließlich auch Pferdenamen sein. Wie soll man etwas erklären, was man selbst nicht verstanden hat?