Lies das folgende Kapitel aus dem Roman »Spukhafte Fernwirkung« und nimm es als Ausgangspunkt für deinen eigenen Text. Durch Klick auf den Button hat Du viermal die Möglickeit einen neuen Textausschnitt anzufordern.
11:25 Uhr
Hyperaktiv
Ich könnte einen, denkt Irma, Anti-Entwicklungsroman schreiben über eine fiktive Figur, die aus sagen wir Österreich stammt, sie plant einen Amoklauf, mutiert dann aber aufgrund einer spektakulären äußeren Wende zum Gegenteil ihrer selbst. Was ist das Gegenteil von, denkt Irma, Amokläuferin? Am Anfang ist sie hyperaktiv, stört und zerstört jegliches System, aber dann denken die Dinge sich selbst zu Ende, und die Amokfigur wird immer mehr an den Rand des Geschehens gedrängt und zerfällt schließlich wie ein kraftlos gewordenes Hadron. Was sie aber in Gang gesetzt hat, ist nicht, denkt Irma, mehr kontrollierbar. Aber wie sie Emma und Erwin Schuster einbauen soll, weiß sie auch nicht.
12:32 Uhr
Kreislauf der Liebe
Susana trifft sich mit Karlo zum Essen, wie immer treffen sie sich in der kleinen Spaghetteria im Einkaufszentrum gegenüber, sie kann sich nicht vorstellen, mit Karlo woanders zu essen, und auch Karlo kann es sich nicht vorstellen. Ihre Mutter und Karlo haben sich getrennt, als Susana noch ganz klein war, sie hat ihn immer Karlo genannt, nie Papa, nur anderen gegenüber hat sie ihn Mein Papa genannt.
Sie liebt Karlo, wie sie Mama liebt, und Karlo liebt sie, wie ihre Mutter sie liebt, nur Mama und Karlo lieben sich nicht mehr. Doch der Kreislauf der Liebe hat eigene Wege gefunden und wie bei einem verstopften Gefäß selbstständig eine Umleitung hergestellt. Immer hat Karlo sich zuverlässig um Susana gekümmert, hat sie vom Kindergarten und von der Schule abgeholt, an den Wochenenden sind sie in den Zoo, ins Kindertheater, ins Schwimmbad und später ins Museum gegangen, weil Susana sich schon immer gerne Bilder angeschaut hat, und Karlo ist mitgegangen und hat gelernt, wie man sich Bilder im Museum anschaut; er hat sogar an Workshops teilgenommen, in denen Kunst vermittelt wurde, um Susana mit Rat zur Seite stehen zu können. Warum ist das Haus schief, warum wächst der Frau ein Bügeleisen aus der Schulter, warum ist das Pferd blau, warum steht alles auf dem Kopf. Karlo weiß so etwas auch nicht, aber er hat sich immer Mühe gegeben, sich dieses Wissen anzueignen, auch wenn Susana seine Antworten oft etwas unzureichend fand. Aber er war nunmal ihr Vater, also fand sie sich damit ab. Mittlerweile geht sie lieber allein ins Museum, und Karlo atmet auf – was er allerdings nie zugeben würde. Lass uns mal wieder ins Museum gehen, sagt Karlo, nachdem sie beide ihre Lieblingsspaghetti bestellt haben, nämlich Spaghetti Diavolo, und Susana sagt, ja gerne, und schaut ihn irgendwie streng an, aber Karlo weiß nicht, ob er sich das nicht nur einbildet. Auch Susanas Mutter hat ihn manchmal eingeschüchtert.
14:20 Uhr
Deli
Schon immer hat Heiner B. gerne nach den letzten Dingen gefragt, in letzter Zeit ist es zu einer Art Manie geworden, aber zu einer Manie, die ihn belustigt. Sie gibt ihm das Gefühl, ein wenig über den Dingen zu stehen. Als er jung war, dachte er oft über die ersten Male nach: Wow, zum ersten Mal geknutscht, eine Pizza gegessen, einen Audi TT gefahren. Irgendwie schön war das. Wenn man jung ist, möchte man die Zeit spüren. Er weiß nicht, wann sich das geändert hat. Ob es ein bestimmter Tag in seinem Leben war, an dem die Zeit eine andere Richtung genommen hat. Wer weiß, ob dies nicht die letzte Zigarette in meinem ganzen Leben ist, hat Heiner B. zum Beispiel oft gedacht, lange bevor er wirklich mit dem Rauchen aufgehört hat. Oder im Deutschen Theater in Berlin: ob dieser Hamlet der letzte Theaterbesuch in meinem Leben ist. Immerhin, es war der letzte zusammen mit seiner Mutter. Nach den letzten Dingen zu fragen, ist zu einer Art Denksport für Heiner B. geworden oder vielmehr Fantasiesport, wie seine letzte Freundin Melissa angemerkt hat. Das Wort Fantasiesport hat ihm gefallen, erstens die Idee, dass Fantasie etwas ist, was man trainieren muss, zweitens Melissa selbst, eine wunderschöne Blondine mit durchtrainierten Waden und leichtem Bauchansatz, Mitte 40, die er in einem Aufzug kennengelernt hat. Sie wird wohl seine letzte Geliebte gewesen sein, was ihm an einem der vielen Abende bewusst geworden ist, an denen er auf sie gewartet hat. Nun ja, es gibt Schlimmeres, als mit einer Flasche neapolitanischem Limoncello am warmen Kamin zu sitzen und auf eine reizende Frau zu warten. Damit hat er sich getröstet. Er hat es nicht gewagt, nach dem Grund ihres ständigen Zuspätkommens zu fragen, er wollte sie und sich selbst nicht in Verlegenheit bringen. Die Erkenntnis über den letzten Sex in seinem Leben hätte er ihr gerne mitgeteilt, aber sie verschwand ohne ein Wort des Abschieds und er akzeptierte ihren Entschluss.
Als Heiner B. das Einkaufszentrum betritt, genauer gesagt die Deli-Abteilung im Untergeschoss, weiß er nicht, dass seine letzten zehn Minuten angebrochen sind; er verbringt sie in ein Gespräch mit der Auszubildenden vertieft über die Zubereitung des perfekten Currys.
09:59 Uhr
Arbeitsplatz
Wie immer, wenn Patricia vor dem Gebäude in der Hilbertstraße steht, hat sie einen kurzen Augenblick lang das seltsame Gefühl, sie würde gleich nach Hause geschickt werden. Es tut uns leid, aber alle Schreibtische sind schon besetzt, Sie hätten früher kommen müssen. Es ist kurz vor zehn und Patricias Arbeitszeit beginnt um zehn, sie betritt rechtzeitig das Gebäude und hält ihre Chipkarte an den elektrischen Türöffner, der gleichzeitig ihre Ankunftszeit registriert und in der Datenbank des Personalbüros speichert. Und wie üblich hält niemand sie auf, sie kann ungehindert in den gläsernen Aufzug steigen, die 4 drücken, das butterweiche Schließen der Türen und die Fahrt in den vierten Stock genießen, die einen schönen Blick auf das Einkaufszentrum, die neuapostolische Kirche und eine frisch sanierte Wohnsiedlung erlaubt. Patricia steigt aus dem Lift und bewundert wie jeden Morgen den langen Flur aus Glas, Beton und Holz. Guten Morgen, junge Frau, sagt eine tiefe Stimme direkt hinter ihr, Patricia erschrickt, die tiefe Stimme lacht, als habe jemand, der sehr gutmütig ist, vielleicht sogar zu gutmütig, einen Witz gemacht. Die tiefe Stimme biegt ab, das Lachen verliert sich in einem Nebengang. Patricias Schreibtisch ist so leer, wie sie ihn gestern Nachmittag um eine Minute vor fünf verlassen hat. Hallo Arbeitsplatz, sagt Patricia. Hallo Patricia, sagt der Arbeitsplatz.