Lies das folgende Kapitel aus dem Roman »Spukhafte Fernwirkung« und nimm es als Ausgangspunkt für deinen eigenen Text. Durch Klick auf den Button hat Du viermal die Möglickeit einen neuen Textausschnitt anzufordern.
09:59 Uhr
Arbeitsplatz
Wie immer, wenn Patricia vor dem Gebäude in der Hilbertstraße steht, hat sie einen kurzen Augenblick lang das seltsame Gefühl, sie würde gleich nach Hause geschickt werden. Es tut uns leid, aber alle Schreibtische sind schon besetzt, Sie hätten früher kommen müssen. Es ist kurz vor zehn und Patricias Arbeitszeit beginnt um zehn, sie betritt rechtzeitig das Gebäude und hält ihre Chipkarte an den elektrischen Türöffner, der gleichzeitig ihre Ankunftszeit registriert und in der Datenbank des Personalbüros speichert. Und wie üblich hält niemand sie auf, sie kann ungehindert in den gläsernen Aufzug steigen, die 4 drücken, das butterweiche Schließen der Türen und die Fahrt in den vierten Stock genießen, die einen schönen Blick auf das Einkaufszentrum, die neuapostolische Kirche und eine frisch sanierte Wohnsiedlung erlaubt. Patricia steigt aus dem Lift und bewundert wie jeden Morgen den langen Flur aus Glas, Beton und Holz. Guten Morgen, junge Frau, sagt eine tiefe Stimme direkt hinter ihr, Patricia erschrickt, die tiefe Stimme lacht, als habe jemand, der sehr gutmütig ist, vielleicht sogar zu gutmütig, einen Witz gemacht. Die tiefe Stimme biegt ab, das Lachen verliert sich in einem Nebengang. Patricias Schreibtisch ist so leer, wie sie ihn gestern Nachmittag um eine Minute vor fünf verlassen hat. Hallo Arbeitsplatz, sagt Patricia. Hallo Patricia, sagt der Arbeitsplatz.
13:11 Uhr
Sekunden
Der Mann, der am Busbahnhof zusammengebrochen ist, hat seinen Absturz schon lange hinter sich. Seitdem lebt er von einer Minute zur anderen, von einer Sekunde zur anderen. Jede Sekunde, die er sich selbst nicht spürt, ist eine gute Sekunde.
10:38 Uhr
Frenchpress
Zum Glück kann Marius heute früher Schluss machen, er hat einen halben Tag Urlaub genommen, weil seine Mutter zu Besuch ist. Obwohl seine Mutter nichts Unvernünftiges anstellt, ist er irgendwie misstrauisch ihr gegenüber. Er kann gar nicht sagen, was es ist, aber sie wirkt auf ihn irgendwie unberechenbar, das war schon immer so. Seine Mutter ist nicht wie andere Mütter, und Marius hat sich daran gewöhnt, er hatte 23 Jahre lang Zeit, sich daran zu gewöhnen. Sie übernachtet auf einer Luftmatratze in seiner Küche, die Luftmatratze hat sie selbst mitgebracht. Am Morgen hat sie noch geschlafen, Marius hat eine Kanne Kaffee in der Frenchpress zubereitet, nach dem Duschen hat er sich eine Tasse eingeschenkt und ist wieder in sein Schlafzimmer gegangen. Seine Mutter ist nicht wach geworden, das kommt ihm noch immer etwas komisch vor. Sie hätte zumindest kurz die Augen öffnen und guten Morgen, ich bin noch müde, sagen können. Aber nichts. Sie tat einfach so, als schliefe sie. Oder sie schlief wirklich. Bevor er ging, hat Marius den restlichen Kaffee in eine Warmhaltekanne gefüllt, die er extra für ihren Besuch gekauft hat.
09:20 Uhr
Zusage
Gleich nach der Konferenz hat Louise den Vertrag unterschrieben, es ist der erste Vertrag ihres Lebens, den sie unterschreibt, es fühlt sich komisch an, auf einmal hat sie eine Verbindung zu einem Gegenüber, das keine Person ist, sondern ein Gebilde, und sie weiß nichts über das Gebilde. Es wird vertreten von jemandem, den sie nicht kennt und der gar nicht weiß, dass es sie gibt, so wie die meisten Menschen nicht wissen, dass es Louise gibt, nur dass sie mit den meisten Menschen keinen Vertrag geschlossen hat. Den Praktikumsplatz hat Leni ihr besorgt, ich frag mal meine Mutter, hatte Leni gesagt, und einen Tag später: Wir geben dich als meine Cousine aus, die Sache geht klar. Noch nie zuvor in ihrem Leben war Louise eine Cousine, ihre Familie besteht aus Generationen von Einzelkindern. Cousins und Cousinen machen um diese Familie einen Bogen wie der Teufel ums Weihwasser. Es fühlte sich einen Tag lang an, als gehöre sie nun zur Familie, nur dass sie nicht mit Nachnamen Sollinger heißt, sondern anders, ist aber kein Problem, als Cousine kein Problem. Vieles ist kein Problem, wenn man Cousine ist. Und tatsächlich hatte sie schon bald ein Vorstellungsgespräch bei Valentina, die fahrig und unkonzentriert wirkte und überhaupt kein Interesse zu haben schien an Louise, aber am nächsten Tag kam die Zusage und heute ist es genau zwei Wochen her, dass sie im Team ist. Und seitdem hat sie jeden Morgen das Gefühl, dass sie gleich wieder entlassen wird, weil sie immer noch nicht den Vertrag unterschrieben hat. Sie hätte es Leni sagen können, aber irgendwie geht das auch nicht. Aber jetzt ist ja alles gut. Vertrag ist Vertrag. Louise ist Cousine.