Wer denkt sich sowas aus?

Die Erfinderin des Romans »Spukhafte Fernwirkung« und der interaktiven Romanapp ist Ulrike Anna Bleier.

Ulrike Anna Bleier

Ich habe mir keine Figuren ausgedacht und keine Handlungen, ich habe nur das aufgeschrieben, was mir zufällig in den Sinn gekommen ist. Herausgekommen sind Figuren, die selbst darüber erstaunt waren, dass es sie nun gibt. So ging es uns wahrscheinlich allen mal, als wir auf die Welt gekommen sind.

Und dann habe ich die Figuren einander begegnen lassen. Manche sind kurz vorher abgebogen, andere haben einander gestreift und einige sind frontal aufeinander geknallt und haben sich ineinander verhakt. Auch die Identität der Figuren ist zufällig. Es hätten auch andere Figuren mit anderen Identitäten sein können – und beim Lesen können die Leser:innen ja den Roman weiterspinnen, indem sie ihre eigenen Figuren und Fäden hinzufügen.

Viele unterschiedliche Figuren bedeutet: viele Perspektiven, viele Abgründe, viele Biographien, viele Verbindungen und viele Nicht-Verbindungen.

Ich wollte Phänomene wie Gleichzeitigkeit, Zufall und Unendlichkeit darstellen, alles also, was sich dem Zugriff durch Messung entzieht. Denn wer weiß, nach welcher Ordnung unser Dasein wirklich strukturiert ist?

Der Gedanke, dass unser Leben der Zeit unterworfen ist, liegt zwar nahe, aber Einstein hat über die Zeit gesagt, sie sei einfach nur das, was die Uhr anzeigt. Also auch ein Konstrukt. Das einzige, was wir über Zeit eigentlich sicher sagen können, ist, dass sie nicht rückwärts gehen kann, wir können also nicht nicht-geboren werden.

Ich wollte keine Geschichte erzählen mit einem einzigen Helden. Denn die Welt hat keine Hauptfigur, sondern unendlich viele. 
Und genauso viele Figuren spielen auch in »Spukhafte Fernwirkung« mit, denn die, die nicht im Text stehen, könnten dort stehen. Und ist nicht das, was sein könnte, genauso real wie das, was ist?

»Spukhafte Fernwirkung« ist mein dritter Roman, erschienen im niederbayerischen Lichtung Verlag.