Die Erfinderin des Romans »Spukhafte Fernwirkung« und der interaktiven Romanapp ist Ulrike Anna Bleier.

Ich habe mir keine Figuren ausgedacht und keine Handlungen, ich habe nur das aufgeschrieben, was mir zufällig in den Sinn gekommen ist. Herausgekommen sind Figuren, die selbst darüber erstaunt waren, dass es sie nun gibt. So ging es uns wahrscheinlich allen mal, als wir auf die Welt gekommen sind.
Und dann habe ich die Figuren einander begegnen lassen. Manche sind kurz vorher abgebogen, andere haben einander gestreift und einige sind frontal aufeinander geknallt und haben sich ineinander verhakt. Auch die Identität der Figuren ist zufällig. Es hätten auch andere Figuren mit anderen Identitäten sein können – und beim Lesen können die Leser:innen ja den Roman weiterspinnen, indem sie ihre eigenen Figuren und Fäden hinzufügen.
Viele unterschiedliche Figuren bedeutet: viele Perspektiven, viele Abgründe, viele Biographien, viele Verbindungen und viele Nicht-Verbindungen.
Ich wollte Phänomene wie Gleichzeitigkeit, Zufall und Unendlichkeit darstellen, alles also, was sich dem Zugriff durch Messung entzieht. Denn wer weiß, nach welcher Ordnung unser Dasein wirklich strukturiert ist?
Der Gedanke, dass unser Leben der Zeit unterworfen ist, liegt zwar nahe, aber Einstein hat über die Zeit gesagt, sie sei einfach nur das, was die Uhr anzeigt. Also auch ein Konstrukt. Das einzige, was wir über Zeit eigentlich sicher sagen können, ist, dass sie nicht rückwärts gehen kann, wir können also nicht nicht-geboren werden.
Ich wollte keine Geschichte erzählen mit einem einzigen Helden. Denn die Welt hat keine Hauptfigur, sondern unendlich viele. Und genauso viele Figuren spielen auch in »Spukhafte Fernwirkung« mit, denn die, die nicht im Text stehen, könnten dort stehen. Und ist nicht das, was sein könnte, genauso real wie das, was ist?
»Spukhafte Fernwirkung« ist mein dritter Roman, erschienen im niederbayerischen Lichtung Verlag.
»Die Figuren waren selbst erstaunt, dass es sie nun gibt« – In einem Interview mit dem Blog Bücheratlas von Petra Pluwatsch und Martin Oehlen sprach ich darüber, wie das Buch entstanden ist.
Frau Bleier, der Titel »Spukhafte Fernwirkung« stammt aus der Quantenphysik. Für deren Erforschung gab es soeben – schöner Zufall – den Physik-Nobelpreis. Was haben die Quantenteilchen mit ihrem Roman zu tun?
Ulrike Anna Bleier: Quantenteilchen finde ich faszinierend, sie verhalten sich anarchisch und auch ziemlich lustig. Sie haben keine Eigenschaften, zumindest nicht bis zu dem Moment, in dem ich sie messe. Das heißt, sie legen sich erst auf etwas fest, wenn sie gefragt werden. Und auf was sie sich festlegen, wenn ich sie frage, kann ich vorher nicht wissen, es ist absolut zufällig – so zufällig, dass ein Quantenteilchen selbst es vorher auch nicht weiß. Die Philosophin und Physikerin Karen Barad hat gesagt, das Quant habe von Anfang an etwas Queeres gehabt, es sei eine Maßeinheit der Unbeständigkeit. Sehr sympathisch!
Nach diesem Prinzip habe ich „Spukhafte Fernwirkung“ geschrieben. Das heißt, ich habe mir keine Figuren ausgedacht und keine Handlungen, ich habe nur das aufgeschrieben, was mir zufällig in den Sinn gekommen ist. Herausgekommen sind Figuren, die selbst darüber erstaunt waren, dass es sie nun gibt. So ging es uns wahrscheinlich allen mal, als wir auf die Welt gekommen sind.
Und dann habe ich die Figuren einander begegnen lassen. Manche sind kurz vorher abgebogen, andere haben einander gestreift und einige sind frontal aufeinander geknallt und haben sich ineinander verhakt.
Auch die Identität der Figuren ist zufällig. Es hätten auch andere Figuren mit anderen Identitäten sein können oder dieselben Figuren, nur mit anderen Identitäten – und beim Lesen können die Leser:innen ja den Roman weiterspinnen, indem sie ihre eigenen Figuren und Fäden hinzufügen. Ich bin dabei, eine App zu entwickeln, die das möglich macht.
Im Roman taucht neben vielen anderen Personen die Journalistin Valentina auf, die als Teenagerin voller Begeisterung durch die Fußgängerzone gezogen ist – nicht wegen der Geschäfte, sondern wegen all der unbekannten, aber gleichwohl verlockend interessanten Menschen. Der Roman scheint Ausdruck einer solchen Begeisterung zu sein. Oder?
Ulrike Anna Bleier: Ja, absolut. Ich freue mich sehr, dass diese Szene so wahrgenommen wird. Der Blick von Valentina steht für das generelle Interesse an Menschen, an allen möglichen Menschen, nicht nur an den Held:innen unter uns. Viele unterschiedliche Menschen bedeutet viele Perspektiven, viele Abgründe, viele Biographien, viele Verbindungen und viele Nicht-Verbindungen. Ich stehe dem Konzept der allseits beliebten Heldenreise skeptisch gegenüber, da sie eine Bedeutungshierarchie darstellt und die Welt in Haupt- und Nebenfiguren einteilt.
Das entspricht zwar im Großen und Ganzen dem, wie unsere Weltwahrnehmung heute funktioniert, aber wer sagt, dass die Welt nicht auch anders erzählt werden kann?
Ihr Roman steckt voller Hinweise auf Mathematik und Physik. Susana denkt, dass Mathematik und Kunst zusammen „die Welt retten“ könnten. Sehen Sie das auch so?
Ulrike Anna Bleier: Nein, denn dann wäre das vermutlich schon passiert. Schließlich hat die Menschheit schon sehr lange Zugang zu Mathematik und Kunst und von einer Weltrettung sind wir weiter entfernt denn je.
Mir gefällt das Poetische an der Mathematik, vieles verstehe ich nicht wirklich, so dass ich die Lücken mit eigenen Worten füllen muss.
Ein starker Strang in diesem vielfädrigen Werk ist das Geschehen in der Redaktion der „Lasslinger Umschau“! Dort geht es vor allem darum, Klickzahlen beim Online-Auftritt zu generieren. Sehen Sie die Bedeutung des Journalismus gefährdet?
Ulrike Anna Bleier: Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Natürlich verändern Klickzahlen die Textur von Medien. Weil durch das Tracking sehr exakt messbar ist, welche Artikel beliebt sind und welche nicht. Was keine Leistung bringt, fliegt raus, und das gilt nicht nur für die Zahlen.
Das hat leider eine Boulevardisierung der Medienlandschaft zur Folge, fast auf allen Portalen werden wir mittlerweile torpediert von Meldungen, die auf einer oft sehr oberflächlichen Ebene Aufmerksamkeit generieren wie Skandale, Promihochzeiten, Vergewaltigung, Promibeerdigungen, eklige Insekten, Unfälle und Unglücke aller Art, Fußball und eben alles, was mit nur sehr kurzer Anlaufzeit sehr starke Emotionen auslöst. Damit wird aber nicht nur Geld verdient, sondern auch Meinung gemacht. Was dazu führt, dass vermutlich weniger Menschen Angst vor Diktaturen oder Atomkraftwerken haben als vor der Nosferatu-Spinne.
Vor diesem Hintergrund bin ich fast geneigt zu sagen, dass zumindest diese Art von Journalismus viel zu viel Bedeutung für unser Miteinander hat.
Die acht unterschiedlich langen Kapitel sind eigenwillig gegliedert: Mal nach Kilometerangaben, mal nach mathematischen Formeln, mal nach Blutdruckwerten. Wie kam es zu dieser Ordnung (die es im Leben der Protagonisten ja nicht gibt)?
Ulrike Anna Bleier: Ich wollte Phänomene wie Gleichzeitigkeit, Zufall und Unendlichkeit darstellen, alles also, was sich dem Zugriff durch Messung entzieht. Nur sind diese Phänomene keiner für einen Text brauchbaren Ordnung unterworfen, ein Roman aber benötigt schon so etwas wie eine Struktur, um lesbar zu sein. Deshalb war die Idee, eine Struktur zu konstruieren, die ganz offen so konstruiert ist, dass sie als konstruiert erkennbar ist.
Wer weiß, nach welcher Ordnung unser Dasein wirklich strukturiert ist? Der Gedanke, dass unser Leben der Zeit unterworfen ist, liegt zwar nahe, aber Einstein hat über die Zeit gesagt, sie sei einfach nur das, was die Uhr anzeigt. Also auch ein Konstrukt. Das einzige, was wir über Zeit eigentlich sicher sagen können, ist, dass sie nicht rückwärts gehen kann, wir können also nicht nicht-geboren werden.
Noch eine Funfact-Frage: Wie viele Personen werden im Roman namentlich erwähnt? Gerne auch als Schätzwert.
Ulrike Anna Bleier: Es sind unendlich viele, denn auch die, die da stehen könnten, zählen dazu. 😉
***
Die Fragen stellte Martin Oehlen
»Ein Roman mit unbegrenzt vielen Figuren und Identitäten, alles hängt mit allem zusammen.«
Judith Heitkamp, Bayerischer Rundfunk, kulturwelt
»Sich in dem vielstimmigen Sammelsurium zurechtzufinden, ist nicht schwierig. Bleier erzählt nüchtern, unpathetisch, lakonisch. Sie beobachtet genau, psychologisiert nie, schichtet Detail auf Detail.«
Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung
»Die schöne Kühle, die der Mathematik und Physik nachgesagt wird, prägt auch diesen Roman. Zwar sind es allemal bewegende Schicksale, von denen hier erzählt wird. Doch nie wird aufs Emotionen-Pedal gedrückt. Vielmehr wird so anschaulich wie fesselnd Detail an Detail gereiht. Dabei erweist sich Ulrike Anna Bleier als geduldig-einfühlsame Menschenbeobachterin.«
Martin Oehlen, Kölner Stadt-Anzeiger
»Das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe! Ich wollte es gar nicht mehr aus der Hand legen und es kam mir vor, als wenn sich mein Aggregatzustand beim Lesen veränderte. «
Kulturtussi-Blog
»Ab und zu musste ich an Penelope denken, die nachts wieder auftrennt, was sie am Tage gewebt hat. In der langen Arbeit an der Textur während Odysseus’ Reisen entsteht auch in Spukhafter Fernwirkung ein Stoff, der trotz aller Hindernisse überraschend organisch ist –beeindruckend.«
WDR 5, Büchermagazin
„Eine Feier des fließenden Lebens“ – Spukhafte Fernwirkung bei Revierpassagen
»Das Buch ist unvergleichlich und ihre Autorin sehr erfinderisch … Alle acht Teile – ob mit oder ohne Überschriften – beweisen die innere Harmonie des gesamten Romans, wunderbare Wechselspiele, verblüffende Korrespondenzen; sie zeigen, wie sehr die Autorin ihren Figuren und der Kraft ihrer eigenen Sprache vertrauen darf. Erscheint die Anordnung der einzelnen Geschichten mitunter willkürlich – sie gehören doch zusammen wie die Wörter auf einem Zettel, der in einem Einkaufswagen im Supermarkt liegen geblieben ist.«
Wolfgang Cziesla, revierpassagen
Eine Lesung aus »Spukhafte Fernwirkung« kannst du auf Bayern 2 radiotexte hören (Sprecherin: Wiebke Puls)